Malte Lück
projekt Glaube
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Erforschung des Glaubens
Auszug aus dem Katalogtext RELINQUO
(von Christel Aring)
sehen, sehen, sehen, spüren
Ich sehe einen Menschen, einen weißgekleideten Mann, barfuss, mit verbundenen Augen. Er hält die Arme weit ausgestreckt. Die Hände sind unsichtbar unter seinen langen, weißen Ärmeln verborgen. Zu beiden Seiten zieht ein strammes schwarzes Kabel die Figur auseinander. In einer Hand sieht man das Stück eines Steckers. Hinter ihm erhebt sich – wie ein großer Vogel – ein grauer, diagonaler Schatten. Links unten im Bild steht ein Scheinwerfer, der ihn anstrahlt. Das leise, aber durchdringende Brummen, Rauschen, Pfeifen eines elektrischen Geräts unterstreicht den grauenvollen Eindruck der Szene. Der Mensch hebt und senkt den Kopf wie unter einer großen, schmerzhaften Kraftanstrengung. Was sehe ich da? Was liegt vor? Die einsamste Form des menschlichen Daseins: allein, an ein imaginäres Kreuz geschlagen, barfuss, mit verbundenen Augen und schutzlos weit geöffneten Armen. Ausgeliefert. Da wird einer gefoltert. Die Zeit verrinnt, die Kopfbewegungen werden intensiver, dann bricht er abrupt zusammen, das Licht verlischt und der Bildschirm/Raum versinkt in Dunkelheit.
Leise Schritte ertönen, jemand zieht den Körper über den Boden, man hört, wie jemand etwas tut – aber was?
Es wird wieder hell. Ein schwarzgekleideter Mann ist zu sehen, der gerade einen Stecker in ein Verbindungskabel gesteckt hat, das sich jetzt anstelle des Menschen befindet. Darüber die weißen Ärmel, die wie große leblose Flügel über dem Kabel hängen. Der Mann hebt den leblosen Körper hoch, dreht ihn zur Wand, und ich sehe seinen breiten schwarzen Rücken auf mich zukommen, wenn er die leblose weiße Gestalt nach vorne aus dem Bild herauszieht. Der Bildschirm wird dunkel, das Schauspiel ist vorbei.
Während ich noch versuche mich zu sammeln, erscheint wieder auf dem Bildschirm wie aus dem Nichts das Wort relinquo relinquere: verlassen, zurücklassen, freilassen.
Zweites Sehen
Die Figur taucht langsam auf und wieder ragt der große diagonale Schatten über ihr auf, aber diesmal erinnert er mich an Ikarus, denn jetzt gehen meine Assoziationen in eine ganz andere Richtung. Ich „weiß“ jetzt, dass der „Mann unter Strom“ ein Akteur ist.
Er opfert sich, aber er ist kein Opfer. Was hält er in Gang? Was verbindet er? Von was wird er in Gang gehalten? Zumindest scheint er eine Verbindung zu halten, die es hell werden lässt, die Licht gibt. Ein Licht, das er aber selbst nicht sieht, denn seine Augen sind verbunden. Wenn es keine Folterszene war, die ich glaubte zu sehen, sondern wenn es tatsächlich eine „lichtspendende“ Gestalt ist: Sind die Flügel dann ein Geschirr, aus dem der Mensch nur sterbend entkommen kann? Also doch wieder eine Opferung?
Die Gedankenflut bringt keine Klarheit. „Die Poesie setzt sich aus“, schreibt Paul Celan, was in der Sloterdijk‘schen Lesart bedeutet, dass sie sich aussetzt, eben weil sie eine Analogie zur Existenz ist – ein objektloses offenes Wagnis. Wenn ich relinquo als poetische Aktion lese, kann ich es vielleicht nachvollziehen durch Mimesis.
Wer nicht hören/sehen kann, muss fühlen?
Drittes Sehen
Spüren Mit verbundenen Augen die weiße Gestalt vor Augen, halte ich selbst meine Arme ausgestreckt, solange ich kann. Ich kann jetzt die Kraft spüren, aber auch die Anstrengung und den Schmerz...
Dann sehe ich mir die Bilder an und verstehe: das Kabel ist in die Ärmel eingenäht, es ist tatsächlich eine Art Geschirr und ich stelle mir vor: ich verbinde meine Augen, streife die Ärmel über, breite meine Arme aus – und es wird hell. Ich selbst sehe nichts, ich muss daran glauben, dass es hell wird und die Welt und ich in Licht getaucht sind. Ich muss daran glauben (und bin damit überhaupt erst handlungsfähig), dass das, was ich tue, etwas (Gutes) bewirkt, auch wenn ich es nicht (unmittelbar) sehe. relinquo als Parabel über den Glauben – Glauben als Grundlage und Ausgangspunkt aller, auch wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis.
Ich habe relinquo seitdem noch einige Male gesehen. Es ist mir so fremd und vertraut, rätselhaft und verständlich wie beim ersten Sehen geblieben. Paradoxon, Koan, Parabel – relinquo hat meine Gedanken weit schweifen und mich gar die Grenzen meiner physischen Kraft und schließlich auch den Schmerz spüren lassen, dabei sich jedoch wie der Horizont beim Näherkommen gleichbleibend entzogen. Es kann wie jedes poetische Werk, wenn überhaupt, seine Erklärungen nur in seiner eigenen Sprache finden, in der Poesie.
von Axel Sanjosé
Die Zeit, heißt es,
aber es ist nur
der Wechsel des Lichts.
Einmal sahen wir Möwen:
Wir stellten uns das Meer vor.
Einmal sahen wir keine Möwen:
Wir stellten uns das Meer vor.
Gelassenheit
ist das Gegenteil
von Zeit.
Behandle das wie frischen Rosmarin.
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Bildsequenzen zu RELINQUO
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