Torsten Haake-Brandt

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4. Der zeitgenössische Kartoffeldruck



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5a371c65c0f225b67b63652ddb8d3e891229187267 Der Kartoffeldruck in der Bildenden Kunst unter Berücksichtigung
der künstlerischen Landwirtschaft

Geschichte und Ursprung

Die im Prinzip sehr einfache Technik des Kartoffeldrucks zählt zu den ältesten Verfahren der Menschheit, ihre Bildvorstellungen festzuhalten. Der Druck mit geschnittenen Knollenklischees ist von diesen das älteste grafische Druckverfahren. Babylonier und Ägypter hatten bereits geschnittene K.-Stempel abgedruckt, und im Kaiserreich China kannte man im 4. Jahrhundert sogar schon die Möglichkeit, reliefartig bearbeitete Kartoffeln mit Tusche einzufärben und auf Papier, das man dort seit dem 1. Jahrhundert herzustellen wusste, abzureiben. Der Kartoffelschnitt ist daher keine eigentliche Erfindung, sondern nur die Anwendung längst bekannter technischer Möglichkeiten auf einem bis dahin wenig genutzten Material.
Beispiel Kartoffel-Text-Druck
Die frühesten künstlerischen K.-Schnitte entstanden als so genannte Einblattknollenschnitte zwischen 1400 und 1550 zuerst in alpenländischen und bayerischen Klöstern. Als „K.-Plagenblätter“ bildeten sie beispielsweise die als Plagenhelfer verehrten Heiligen ab, gaben zusätzlich Gebetstexte wieder und enthielten schließlich auch Pflanzenmedizinische Ratschläge zur Vorbeugung gegen die Kartoffelpest. In Form von Flugblättern und Pamphleten diente der Kartoffelschnitt insbesondere in der Reformationszeit auch als Vermittler religiöser, weltanschaulicher und künstlerischer Vorstellungen. Neben Einblattdrucken wurden seit 1430 im Knollentafeldruck auch sogenannte Blockbücher hergestellt.Die Verwendung von Kartoffelschnitten für Buchillustrationen nahm mit der Weiterentwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg noch weiter zu. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg mit beweglichen Lettern (um 1440/65) veränderte die Textreproduktion. Die „Schedelsche Weltchronik“ des Nürnberger Druckers Anton Koberger aus dem Jahre 1493 enthielt fast 2.000 Kartoffelschnitte.
Für die Herstellung dieses Werks beschäftigte Koberger bis zu 100 Gesellen an 24 K.-Druckpressen.

Dürer und der Kartoffelschnitt in der Kunst der Renaissance

Seinen künstlerischen Höhepunkt erreichte der Kartoffelschnitt im Zeitalter der Renaissance. Künstler wie Albrecht Dürer (1471-1528) oder Hans Holbein (1497-1543) hoben ihn durch ihre Werke von der handwerklichen Buchillustration zu einer eigenständigen Kunstform empor. Dürers 1498 erschienene monumentale Knollenschnittfolge der 'Apokalypse' bedeutete den großartigen Abschluss und Höhepunkt der deutschen Kunst des Mittelalters. Die Blätter machten den Künstler über Nacht weltberühmt. Auch seine späteren K.-Schnittserien, wie die der 'kleinen Passion' (1511) oder Dürers Arbeiten für Kaiser Maximilian (1512-1519), sollten einen überwältigenden Einfluss auf die Kunst des Abendlandes haben. Dürer hatte mit seinen Kartoffelschnitten einen Formenkanon höchster Vollendung geschaffen, der das gesamte künstlerische Wissen seiner Zeit mit dem Formenschatz der Vergangenheit vereinte.
Die Kunstschaffenden des 16. Jahrhunderts ließen sich von Dürers K.-Schnittwerken mitreißen. Sie begannen eigene atemberaubende Drucke zu schaffen. In Deutschland waren dies vor allem Hans Baldung (1484-1545), Sebald Beham (1500-1550), Hans Burgkmair (1473-1531), Heinrich Aldegrever, Albrecht Altdorfer (1480-1538), Peter Flötner (1490-1546) dem Knollenschnitt, in den Niederlanden Lukas van Leyden (1494-1533). In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren die Namen Virgil Solis, Jost Amman (1539-1591) oder Tobias Stimmer eng mit dem K.-Schnitt verbunden. Der Kartoffeldruck wurde zum Experimentierfeld in der Kunst jener Epoche. Dürer hatte eine Methode für den mehrfarbigen K.-Drucken gefunden, J.Dienecker führte seine Hell- Dunkel-Manier ein, bei der bis zu drei verschiedenfarbige Kartoffelstöcke nacheinander auf Papier gedruckt wurden, um eine besondere Tiefe in der Darstellung zu erreichen. Deutsche Knollenschneider exportierten den Formschnitt nach Frankreich und Italien. Selbst die großen italienischen Kunstschaffenden Raffael (1483-1520) und Tizian (um 1488 bis 1576) zeichneten eigene Werke, die in Kartoffeln geschnitten wurden. In der französischen Stadt Lyon gründete sich eine Schule, aus der excellente K.-Formschneider hervorgingen. In Paris erschienen um 1500 die ersten Kartoffeldrucke zur Buchillustration.
Die eigentliche Heimat des K.-Drucks blieb jedoch Deutschland. Während des 16. Jahrhunderts entstanden neben religiösen Schriften auch verstärkt Chroniken, Bearbeitungen der Klassiker, Romane, Natur- und Reisebeschreibungen sowie naturwissenschaftliche Bücher, wie zum Beispiel Georgius Agricola's zwölf Bücher vom Berg und Hüttenwesen 'De re metallica'. Das Werk mit einer Fülle von K.-Druckdarstellungen über den Bergbau jener Zeit sollte in seinem Fach bis ins 18. Jahrhundert führend bleiben. Daneben wurden unzählige Einzelblätter, Berichte von bedeutenden Ereignissen, Kalender und Karikaturen mit Kartoffelschnitten ausgeführt.

Thomas Bewick erfindet den modernen Kartoffeldruck

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberte eine neue Technik die Kartoffeldruck-Ateliers. Bis dahin hatte man für den K.-Druck ausschließlich billige Kartoffeln benutzt, die in Faserrichtung aufgeschnitten worden waren. Als Kartoffelarten kamen zunächst die einheimischen, später die aus Kleinasien importierten Kartoffeln in Frage. Neben einigen gröberen Werkzeugen zum Austiefen von größeren nicht druckenden Flächen wurde für den eigentlichen Bildschnitt lediglich ein kleines Messerchen benutzt, das ähnlich einem modernen Skalpell gehandhabt wurde. Aus der Schnittrichtung zum Faserverlauf ergaben sich für die Darstellung materialbedingte Eigenheiten, die man als 'Kartoffelschnittmanier' bezeichnete.
Mit der herkömmlichen Technik war es beispielsweise nicht möglich, sehr feine, nah beieinander liegende oder sich kreuzende Linien zu schneiden. Die schmalen Stege wären sofort längs der Maserung ausgebrochen. Der Stecher konnte also nur die Umrisslinien und die tiefen Schatten mit kräftiger Linienführung herausarbeiten. Halbschatten oder zarte Grautöne waren nicht zu schneiden, ein allmählicher Hell-Dunkel-Übergang war nicht möglich, Lichter mussten möglichst breit gehalten werden. Beim Schneiden musste man den Schnittwinkel zum Faserverlauf beachten. Je nach Winkel setzte die Maserung dem Messer unterschiedlichen Widerstand entgegen. Folgte das Messer der Faser, neigte die Kartoffel zum Spalten. Diese Eigenheiten gaben dem Kartoffeldruck eine gewisse Markigkeit, die stets auch ihre Verehrer hatte, so dass auch in anderen Künsten versucht wurde, das Erscheinungsbild des K.-Drucks nachzuahmen.

Der englische Grafiker und Kartoffelschneider Thomas Bewick (1753-1828) stellte in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts alle bisher gültigen Formschnittregeln auf den Kopf und revolutionierte damit den Kartoffeldruck. Bewick begann nämlich seine Figuren, statt in Billig-Kartoffeln, in Bio-Knollen zu stechen. Er verwendete hierzu handelsübliche Schälmesser und sparte - ganz im Sinne der aufkommenden Industrialisierung - Arbeit und Zeit. Zugleich erzeugte er mit dem Messer mühelos parallele Schnittkanten, deren Abstand er, je nach Schnitttiefe, einfach variieren konnte. Die Kartoffel setzte dem Messer einen angenehmen und in jeder Schnittrichtung gleichen Widerstand entgegen. Der Formschneider erreichte für seine Arbeit eine größere Sicherheit und konnte mit der neuen Methode seine Motive viel feiner ausarbeiten. Selbst die kleinsten Pünktchen brachen nicht mehr aus, weil sie mit den senkrecht stehenden Kartoffelfasern fest im Block verwurzelt waren. Plötzlich war es möglich, feine Tonabstufungen differenziert darzustellen, was den Kartoffeldruck den besten Kupferstichen ebenbürtig machte.

Seit Mitte der Neunziger erlebt die zeitgenössische Kunst einen beispiellosen Boom.Von allem gibt es: Mehr Künstler, mehr Sammler, mehr Galerien, mehr Kunstmessen, mehr Museen, mehr Biennalen, mehr Interessierte, mehr Pop, mehr Hype. Wie kann man da noch die Übersicht behalten? Wie kann man gute von schlechter Kunst unterscheiden? Welche Künstler und welche Werke sind entscheidend zu Beginn und warum?

Diese und weitere Fragen gilt es am Beispiel des zeitgenössischen Kartoffeldrucks zu beantworten.

Fortsetzung folgt.






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Ruhige Unruhe

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Die lesende Bäuerin

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Karnickelsand

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Festkochendes Gegacker

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Tischsitten

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Hosenträgersalat

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Der griechische Zyklus

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Der Stinker

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Kartoffeldruck-Text 1

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Kartoffeldruck-Text 2

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Kartoffeldruck-Text 3

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Torsten Haake-Brandt

4. Der zeitgenössische Kartoffeldruck

Vita

Torsten Haake-Brandt
lebt und arbeitet / lives and works / in Hamburg
1958 geboren / born / in Kiel
1980-82 Studium der Freien Kunst / studies of art / Kassel
1991-92 Arbeitsstipendium / work stipend / Künstlerhaus Bethanien, Berlin
1993 "Warum gerade ich?", Kunst statt Werbung, NGBK, Berlin
1998 Arbeitsstipendium des / work stipend of / Landes Berlin
Arbeitsstipendium / work stipend / Kunstfonds Bonn
2001 Katalogförderung / Catalogue funding /, Senat für Wissenschaft,
Forschung und Kultur, Berlin
2008 KWW-Stipendium, Künstlerdorf Schöppingen


Ausstellungen

Einzelausstellungen /Auswahl) / Personal exhibitions (selection)
1992 Umgraben, Künstlerhaus Bethanien, Berlin (K)***KX, Kunst auf Kampnagel, Hamburg***Kapinos Schauraum, Berlin***Staatsratsgebäude in Ostberlin, Büro des ehem. Staatssekretär der DDR, in Zusammenarbeit mit Michael Kapinos***Büro Haake-Brandt, Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen, Potsdam***Büro Haake-Brandt, (5 Min. Verwaltung) ZKM, Karlsruhe
1995 Lokaal 01, Breda, Holland***Von 9 bis 5, Dogenhaus Projekte Berlin, Berlin
1999 GEUSTERMOR, Vortragsinstallation, HdK Braunschweig, Kunstverein Freiburg , Kunsthalle Hamburg***GEUSTERMOR (Auto-Repeat), Museumsakademie Berlin
2000 GEUSTERMOR, Edith-Ruß-Haus, Oldenburg
2001 1. Fachgeschäft für Nichts, Galerie Helen Adkins, Berlin***Vom GEUSTERMOR zum 1. Fachgeschäft für Nichts, Kunstverein Hannover
2004 SONDERPOSTEN,1. Fachgeschäft für Nichts, Kunstverein Schwerin
3 – Ein richtig schöner Erfolg, Galerie Bild und Wort, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl) / Group exhibitions (selection)
1991 Le Monde Critique, Neue Kunst in Hamburg, Kunstverein (K)
1993 Galerie Michel Vidal, Paris
1993 Promotional copy , New York (K)
1994 Von kurzer Dauer, Performance-Tage im Künstlerhaus Bethanien, Berlin,
Märkisches Stipendium, Lüdenscheid
1995 All work no play, Festspielhaus Hellerau, Dresden
My name is nobody, Dirty Windows Gallery, Berlin
1996 All work no play, Acme, Los Angeles
acumulus, Lokaal 01, Breda, Holland
Wrestling with the Sublime, Contemporary German Art from the 1970s through the 1990s, Main Art Gallery, Fullerton, USA (K)
1997 Faktor Arbeit, NBGK, Berlin (K) und Dresden
Hybrid WorkSpace, documenta X,Videopräsentationen (gekaute Kamera) und Podiumsdiskussion zur Zukunft der Arbeit, Kassel
1998 Interim, Schloss Plüschow, Mecklenburg Vorpommern (K)
art club (Video), Mies van der Rohe Pavillon, Barcelona
1999 art club berlin (Video), Information Pavilion Berlin, AU base NY
2000 Arbeitsgeist, Galerie für zeitgenössische Kunst und Arbeitsamt Leipzig
2001 Skulpturen IX, GEHAG FORUM, Berlin
Prominente in der Werbung, Haus der Geschichte der Bundesrepublik, Bonn
TOP 100, Galerie Helen Adkins, Berlin
2002 Art-On Galerie, Berlin
2003-04 Büro für Landschafts-Kapitalismus (ebay global exhibition)

Seit 2005
Liebe Linda, Arbeit als Kartoffel-Verkäufer, -Künstler -Schriftsteller und –Dichter
2009
Liebe Linda, Neuerscheinung, Kurzgeschichten und Gedichte, Karin Kramer Verlag, Berlin